MANtransFORMS

1974

MAN transFORMS

1974

AUS DEM GRUNDKONZEPT, JUNI 1974

Diese Ausstellung wird nicht didaktischen Charakter haben, sie wird auch keine "Geschichte des Design" bieten oder die Entwicklung des Menschen anhand von Designprodukten nachzeichnen. Sie ist eine Ausstellung über das Leben und über Lebenssituationen. Da sie kein Buch ist, sondern eine Schau, die erlebt werden kann und muß, wird sie den Teilnehmer mit Erlebnissen, zwangsläufig in Form von Objekten, Umweltsituationen und Stimmungen, konfrontieren. Sie arbeitet mit dem Mittel der direkten Konfrontation, mit "Berühren", zugleich aber auch mit Si-mulation und Transformation. Sowohl einfache Gegenstände als auch komplizierte technologische und audiovisuelle Installationen werden verwendet. Dem Besucher wird Information vermittelt, er wird jedoch auch in eine Stimmung versetzt, in eine gewisse Sensibilität, die ihn befähigt zu erleben, zu assoziieren, Beziehungen her-zustellen, zu denken. Wegen des Themas und der Verschiedenartigkeit der Besu-cher (was ihre Bildung, ihre Interessen, ihre soziale und nationale Herkunft be-trifft) beruhen Vermittlung und Kommunikation dieser Ausstellung mehr auf direk-tem Erlebnis und weniger auf Erläuterungen. Aspekte und Phänomene werden so dargeboten, daß eine Konfrontation auf vielen sinnlichen und begrifflichen Ebenen möglich wird.


AUS DEM EXPOSÉ VOM SEPTEMBER 1974

Der Ausstellung liegt kein didaktisches Konzept zugrunde, sondern sie überträgt ihre Botschaft mittels verschiedener Arten von Konfrontation unter Einbeziehung des Publikums. Einige Aspekte dieser Methode sind:

- das Medium "Ausstellung" ist unmittelbarer Träger der Idee, der Botschaft;

- es werden Reaktionen hervorgerufen, Assoziationen hergestellt und Gedanken angeregt;

- es werden weniger Einzelobjekte gezeigt als aufeinander bezogene Themen und Gegenstände in Situationszusammenhängen und unterstützt durch Beziehungen der räumlichen Anordnung;

- direkte Einbeziehung und Teilnahme des Publikums;

- wenig Textinformation in der Ausstellung selbst; dies bleibt dem Katalog vorbe-halten, der einen integrierenden Teil der Ausstellung bildet;

- Einsatz von einfachen technischen Mitteln wie von hochentwickelten Medien;

- ein "Erlebnis”-Einstieg anstelle eines systematischdidaktischen;

- alle Sinne werden angesprochen: Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken;

- Ausweitung der Ausstellung durch verschiedene Maßnahmen in das jeweilige bauliche und soziale Umfeld.

Die Ausstellung befaßt sich mit Design im weitesten Sinne des Wortes. Sie umfaßt Produkt-Design ebenso wie Stadtplanung. Design wird dargestellt als die Art des Umgehens mit Situationen, Problemen und menschlichen Lebensumständen, und nicht nur als Beschäftigung mit dem Einzelobjekt. Die Ausstellung ist daher inter-disziplinär und verwendet Material aus verschiedenen Wissenschaften. Sie will zeigen, daß Design der menschlichen Tätigkeit und Kreativität zugrundeliegt, daß alle unsere Bestrebungen von "Design" bestimmt werden. Sie wird trachten, die komplexen Beziehungen und wechselseitigen Abhängigkeiten von Design und De-signsystemen in vielen Erscheinungen aufzuzeigen.

Die Ausstellung wird zu diesem Zweck die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft betrachten und bewußt machen, daß die menschliche Tätigkeit "Design" im Grunde zeitlos ist und ursprüngliches, ja sogar atavistisches Verhalten umfaßt.

Die Ausstellung - ihre Methoden, Mittel und Medien - muß dies auf mehreren Ebe-nen vermitteln. Sie soll sich an den Fachmann und den Intellektuellen wenden, ebenso aber den Laien und Durchschnittsmenschen interessieren und informieren. Es soll aber nicht eine didaktische Ausstellung sein, sondern eher eine, die Reak-tionen provoziert, Gedanken anregt, Assoziationen auslöst. Sie soll mit dem Erleb-nis arbeiten und dazu auch die Erfahrung jedes Zuschau-ers/Teilnehmers/Besuchers heranziehen.

Wegen der architektonischen Gegebenheiten der Eröffnungsausstellung und da sie auch als Wanderausstellung funktionieren muß, wird die Ausstellung sowohl tat-sächlich als auch vom Konzept her in Einheiten aufgebaut sein, Einheiten, die zwar untereinander auf vielfache Art zusammenhängen, jedoch nicht immer in derselben Reihenfolge

,angeordnet sein müssen. Manche Einheiten können entfallen, andere können neu hinzukommen, je nach den örtlichen Gegebenheiten. Von ihrem Inhalt her werden diese Einheiten mit Aspekten, Unterthemen und Gegenständen des Designs ver-bunden sein.

INHALT

Design wird also, wie bereits festgestellt, nicht durch Ausstellen von Einzelobjek-ten präsentiert, obwohl Objekte in der Ausstellung vorkommen, sondern in Form von thematischen "Situationen", von denen jede verschiedene Aspekte dessen beleuchtet, was Design für den Menschen bedeutet, wie es ihn beeinflußt und wo-zu es ihm verhilft. Design - um es nochmals zu sagen - wird nicht bloß als etwas Materielles verstanden, sondern als ein geistiges Phänomen, ein Gegenstand des Gedankens.

Das Verstehen des Besuchers und das Vertiefen seiner Reflexionen entsteht durch den Prozeß seiner aktiven und reaktiven Teilnahme an der Ausstellung. Es wird ihm nicht gesagt: "So liegen die Dinge!" oder "Das ist Design!" - obwohl Informati-on geboten wird -, sondern er wird selbst Bedeutungen entdecken. Indem sein Bewusstsein durch diese Konfrontation geweckt wird, kommt er dem Konzept "Design" näher.

Ein Beispiel: "Mahl" kann eine Vielzahl von Gestaltungen in sich schließen. Das Sich-Versammeln der Teilnehmer, das Ritual selbst ist Design. Design sind auch die vielen Dinge, die sich aus dem einfachen Umstand des Einnehmens von Nah-rung entwickelt haben, von äußerst profanen Erscheinungen wie einem Verkaufs-automaten bis zu den spirituellen Einrichtungen und Konzepten wie Altar und Kommunion. Das "Zusammensein" drückt sich auch in der Anordnung aus: die Art, wie Stühle um einen Tisch gruppiert sind, erzählt uns bereits viel ohne weitere Erklärungen. Die Beschaffenheit der Speisen entspringt einer Design-Intention ge-nauso wie die Gegenstände, mit deren Hilfe wir die Speisen zu uns nehmen. Es kommt nicht nur auf das gestaltete Objekt an: Der Prozeß, der zur Schaffung eines solchen Gegenstandes führt, erfordert eine ganze Design-Philosophie. Verschiede-ne Design-Philosophien kommen zu verschiedenen Lösungen derselben Fragen. Dasselbe elementare Problem ist einmal mit Messer, Gabel und Löffel gelöst, ein-mal mit zwei Stäbchen. Daraus haben sich grundlegend verschiedene Wege der Entwicklung ergeben, deren Implikationen bis in den medizinischen Bereich füh-ren. All das muß dem Besucher nicht auf komplizierte Art und Weise erklärt wer-den, das einfache Nebeneinander einer Gabel und zweier Eßstäbchen wird Gedan-ken in diese Richtung auslösen.

Eine derartige Methode gestattet auch dem Besucher zu bestimmen, wie intensiv er sich in das Thema vertieft. Je tiefer er eindringt, umso spezifischer und an-spruchsvoller wird die Information, aber er wird nicht gezwungen, weiter vorzu-dringen. In der Ausstellung wird das z. B. dadurch gelöst, daß Mahlzeit und Zu-sammensein einfach in Form einer Gruppierung von vielleicht sogar abstrakten Objekten dargestellt wird. Wesentliche Aspekte werden weitergeführt, wiederum durch eine Anordnung von Objekten - entweder tatsächlich aufgestellt oder in der Vermittlung durch Medien. Die Medien und der Kontext der Situation gewähren Raum für den Zugang, den jeder persönlich hat. Für jene Teilnehmer, die sich noch detaillierter mit dem Thema auseinandersetzen möchten, stehen Medienpräsenta-tionen in "Nischen"" zur Verfügung.

MEDIEN

Die Ausstellung wird einfache Darstellungen mit einfachen Mitteln verwenden, aber auch eher hoch entwickelte Apparate und Medien einsetzen.

Die einzelnen Raumabschnitte für den allgemeinen Aufbau werden mit Rücksicht auf die Flexibilität, die für eine Wanderausstellung nötig ist, entworfen werden, sie müssen sich jedoch auch den Gegebenheiten des Carnegie Mansion anpassen, in dem die Eröffnungsausstellung stattfindet. Manche Teile werden nur in der Eröff-nungsausstellung zu sehen sein.

Die ausgestellten Gegenstände werden aus den Beständen des Museums und der Smithsonian Institution und von externen Quellen stammen.

Da es sich um keine Produktmesse handelt, müssen zahlreiche Stücke und Teile speziell für die Ausstellung angefertigt werden. Ausstellungsstücke und Gruppie-rungen können ganz unterschiedlich sein, von einer einfachen Holzschachtel bis zu einem vollständigen, vom Räumlichen und vom Material her komplexen Raum. Die Ausstellungsstücke beschränken sich nicht nur auf physische Gegenstände; Filme (projiziert oder auf Bildschirm), Dias und andere audio-visuelle Mittel sind ebenso vorgesehen. Die visuellen Medien werden sowohl Hologramme einsetzen als auch Beleuchtungseffekte im allgemeinen.

Eine Ausstellung, die sämtliche Sinne ansprechen will, wird natürlich auch weit-gehend mit Toneffekten arbeiten. Zusätzlich muß für verschiedene Temperaturzo-nen und klimatische > Situationen gesorgt werden, für Wind, für die Simulation anderer Naturkräfte und auch für Gerüche. Für den Tastsinn werden Oberflächen verschiedener Beschaffenheit benötigt sowie Geräte, die mit mechanischen, e-lektrischen oder anderen Mitteln auf die Haut und jene Körperteile einwirken, die besonders für das Tasten ausgebildet sind. Die direkte Partizipation des Besu-chers wird auch durch andere Mittel angeregt, z. B. durch Simulations- und durch Spielsituationen.


Die Koordination verschiedener Aspekte der Ausstellung kann in Form einer Mat-rix dargestellt werden. Sie gilt als Rahmen für das Sammeln und Einteilen der Themen, Materialien, Medien und Gesichtspunkte der Präsentation.

Vor allem für die vorgesehene Zusammenarbeit mit anderen Mitwirkenden kann diese Matrix für die Integration ihrer Beiträge herangezogen werden.

Aus der Zahl der möglichen Themen und Unterteilungen ist ein Bereich mit be-stimmten Zusammenhängen herausgehoben. Das Diagramm zeigt mögliche Unter-themen und Beziehungen. Es sind damit bereits tatsächliche Ausstellungsbereiche vorstellbar, obwohl noch keinerlei Gewichtung, räumliche Dimensionen oder Arten der Präsentation damit definiert sind. Es ist klar, daß ein derartiges Schema flexi-bel ist und je nach zusätzlichen Gegenständen, anderen Prioritäten, Verfügbarkeit und wechselnden Zusammenhängen geändert werden kann.

MAN transFORMS (1974)
"Design. MAN transFORMS. Konzepte einer Ausstellung"
Herausgegeben von der Hochschule für angewandte Kunst, Wien
Löcker Verlag, Wien 1989
ZUR ERÖFFNUNG DES COOPER-HEWITT MUSEUMS 1976 IN NEW YORK ALS NEUES NATIONAL MUSEUM OF DESIGN DER SMITHSONIAN INSTITUTION IN WASHINGTON KONZIPIERTE UND REALISIERTE HANS HOLLEIN DIE AUS-STELLUNG "MAN TRANSFORMS". LISA TAYLOR, DIE DIREKTORIN DES MUSE-UMS, WOLLTE MIT DIESER ERÖFFNUNGSAUSSTELLUNG NICHT NUR NEUE WEGE DER VERMITTLUNG BESCHREITEN, SONDERN DIE AUSSTELLUNG AUCH ALS PROGRAMM DES MUSEUMS SELBST VERSTANDEN WISSEN UND ALS DEFINITION DES INHALTS: WAS IST DESIGN? DAS BUCH ZUR AUSSTEL-LUNG DOKUMENTIERTE - ZUM UNTERSCHIED VOM SEINERZEITIGEN KATA-LOG - DEN AUFBAU UND DIE ERSCHEINUNG DER AUSSTELLUNG, WIE SIE TATSÄCHLICH FÜR MEHR ALS HUNDERTTAUSEND BESUCHER ZU SEHEN WAR. ES DOKUMENTIERTE ABER AUCH DIE ANSÄTZE UND ÜBERLEGUNGEN AUF VERSCHIEDENEN KONZEPTIONELLEN UND MEDIALEN EBENEN, DIE ZU DIESER AUSSTELLUNG GEFÜHRT HATTEN.

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